Dieser Beitrag wurde am 25.02.2026 aktualisiert.

Sehen, staunen, spielerisch lernen und – wörtlich genommen – be-greifen: Dazu laden die Museen Rheinhessens ein. Marina Noble hat sich für Euch in drei von ihnen umgeschaut. Sie entdeckte versteinerte Zeitkapseln aus Urzeiten; Fahrräder in Alltag, Sport und Kunst; sowie Puppen aus nah und fern, die uns heute wie früher zum Lachen bringen.
Zeitkapseln von 500 Millionen Jahren Erdgeschichte: Paläontologisches Museum Nierstein
Auf eine Reise mehr als 500 Millionen Jahren in die Vergangenheit führt das Paläontologische Museum in Nierstein mit seiner umfangreichen Fossilien-Sammlung. Die Schätze in über 50 Vitrinen und an den Wänden bezeichnet Museumsleiter Harald Stapf als „Zeitkapseln“. Denn sie halten Spuren fest, die Tiere oder Pflanzen vor unvorstellbar langer Zeit im Schlamm hinterlassen haben. Die Jahrtausende haben sie als Momentaufnahmen von damals eingefroren. So können die Besucher sie heute – praktisch wie Fotos – betrachten. Manche sind Millimeter winzig, andere über zwei Meter mächtig wie der Fischsaurier oder ein komplettes Seekuh-Skelett. „Wir präsentieren die formen- und artenreichste öffentlich zugängliche Fossilien-Ausstellung in Rheinland-Pfalz“, bringt es der Museumsleiter auf den Punkt.
Wie viele Exponate gibt es? Statt einer Antwort führt Harald Stapf zum Mainzer Schneckenstein. Allein dieser besteht auf unzähligen kleinen Fossilien. Der große Umfang der Sammlung sei ganz bewusst nicht reduziert ausgestellt, denn „wir wollen die enorme Arten- und Formenvielfalt zeigen und anregen, sich Gedanken zu machen, was früher einmal war“. Immer ist ein Experte vor Ort, um Fragen zu beantworten. Beispielsweise wie die Fossilien aus dem sie umgebenden Gestein heraus-präpariert werden.
Ein Raum ist den Funden aus den Sandgruben im Mainzer Becken gewidmet, das damals von einem Meer bedeckt war. Hier zu sehen sind Fische, Muscheln, Seeigel, Korallen, Schnecken mit spannenden Namen wie „Elefantenzahnschnecke“, aber auch Ur-Schweine und Elefanten oder Nashörner, die damals hier beheimatet waren. Besonders stolz ist Harald Stapf auf die Zähne von Riesenzahnhaien, die rund zehn Zentimeter lang sind und zu den größten ihrer Art zählen. Flamingos in Oppenheim? Diese gab es, das beweist ein Knochenfund. Skorpione in Nierstein? Versteinerte Spuren belegen ihre Existenz.
Eine andere der kurzweilig geschriebenen Infotafel fragt: Sind hier Einschlagkrater zu sehen? Nein, es sind Regentropfen im Schlamm, die versteinert für die Ewigkeit bewahrt sind. Ein Eck weiter: Warum hängt hier zwischen gewaltigen Schneckenhäusern eine Champagner-Flasche? Sie steht für den Lebensraum der Riesenschnecke „Campanile“, deren Form an einen Kirchturm erinnert. In der französischen Region Champagne, kam diese Art bei Arbeiten an den Kellern für die Reifung des edlen Getränks zu tage. Auch aus anderen Ländern – von Tschechien bis Skandinavien – stammen Funde.
Was bedeutet der rote Punkt? Nicht etwa „verkauft“ wie in einer Galerie, sondern „erstbeschrieben dieser Art“. Harald Stapf erzählt wieder eine Geschichte: „Wir gehen selbst in Gruben, die gerade ausgebaggert werden, „buddeln“. In der Nähe des fränkischen Kulmbach fanden wir erstmals und mit Unterstützung des Bagger-Fahrers Pochanke den Pfeilschwanzkrebs.“ Dessen wissenschaftlicher Name lautet analog zu Fundort und Unterstützer „Franconiolimus pochankei“. Auch der Gründer des Museums, der Amateur-Paläontologe Arnulf Stapf erfuhr solch eine Ehrung: Die zwei Zentimeter große Eintagsfliege „Arnulfias stapfi“ trägt seinen Namen.
Was interessiert Kinder besonders? Natürlich Dinos. Zu ihren Lieblings-Ausstellungsstücken zählen daher die versteinerten Dinosaurier-Spuren und die Eier der Urzeitechsen.
Seit 2025 neu: Das kleinste Urpferdchen der Welt
In einer eigens dafür angefertigten Vitrine aus Stahl und Holz hat ein neues Highlight des Museums seine Heimat gefunden: Ein Urpferdchen, genauer ein Fohlen der Art Eurohippus messelensis. Es ist rund 50 Millionen Jahre alt und soll das Kleinste auf der Welt sein. Das Exponat ist einem Stifter zu verdanken: Er hat verfügt, dass nach seinem Ableben die besten Stücke seiner „Messel-Sammlung“ in Nierstein ausgestellt werden sollen.
Öffnungszeiten Paläontologische Museum Nierstein: An Sonntagen 11 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung, Eintritt frei. Einen Eindruck vermittelt die digitale 360° Panorama-Tour.
Hier wird am Rad gedreht: Im Rheinhessischen Fahrradmuseum von Gau-Algesheim
Klar stehen in einem Fahrradmuseum Räder aller Art im Mittelpunkt: für Damen, Herren, Kinder, für Alltag und Sport, historisch und elektrisch. Auch für Menschen, die weniger an technischen Details interessiert sind, liefern die rund 80 Exponate in fünf Räumen von Schloss Ardeck in Gau-Algesheim spannende Erkenntnisse: Wie haben Erfindergeist und das Streben nach Verbesserung die Entwicklung des „am weitesten verbreiteten, nachhaltigsten und umweltfreundlichsten Individual-Verkehrsmittels“ vorangetrieben? Wie wird es im Sport genutzt? Wie hat es die Kunst inspiriert? Immer lautet das Motto „Greifen zum Begreifen“: Die Besucher sollen aktiv erleben und jeder darf am Rad drehen.
Spannend die Geschichte: Los ging es Anfang des 19. Jahrhunderts mit Laufmaschinen, genannt Draisinen. Bei denen sorgten die eigenen Füße mit Laufbewegungen am Boden für´s Vorwärtskommen. Schnell folgten Innovationen am Lenker, den Pedalen, dem Rahmen und den Rädern. Die Generation des Hochrads mit übergroßem Vorderrad führte zu vielen Kopf-Über-Unfällen. Daher ersannen Tüftler das Sicherheitsrad mit gleichgroßen Reifen aus Vollgummi. „Viele Typen wurden nur kurze Zeit gebaut, bis es Modernisierungen gab“, erklärt Museumsleiter Emil Busch.
„Wir sind ein regionales Rad- und Radsportmuseum, denn es geht auch um den Radsport, der in Rheinhessen besonders weit verbreitet ist“, macht er deutlich. Diesem Bereich ist ein ganzer Raum gewidmet: Videos veranschaulichen, welch akrobatischen Leistungen Kunst-Radfahrer vollbringen. An den Wänden hängen Trikots, die Rudi Altig und Jan Ulrich bei der Tour de France trugen – geadelt mit ihren Autogrammen. Selbst ein Feeling von Bahnrennen bekommt, wer auf das Single Speed-Rad steigt. In der Vitrine daneben liegen die Schläger und Bälle von weniger bekannten Sportarten wie Radpolo. Eine Infotafel berichtet von „kampflüsternen, ruhmlechzenden Amazonen“. So verunglimpfte man Ende des 19. Jahrhundert Frauen, die gegen alle Verbote den Mut hatten, Radrennen zu fahren.
Dass rollende Räder die Kunst inspirierten, zeigen die Drucke an den Wänden eines weiteren Raums. „Radrennen“ heißt das Werk des deutsch-amerikanischen Malers Lyonel Feininger oder „Endspurt“ das des Japaners Tatsuo Taki. Von Picasso inspiriert ist der Stierkopf aus Sattel und Lenker. In der Raummitte steht ein weiteres Beispiel dafür, wie Menschen Probleme lösen: Der Schotte Bickerton wollte sein Rad in der Innenstadt von London nutzen. In der U-Bahn dorthin war das Mitnehmen von Rädern jedoch verboten. Also ersann er ein Rad, an dem nichts geschweißt war. Dieses erste Faltrad der Geschichte konnte er dann verkleinert in einer Tasche in der U-Bahn transportieren.
Sonderausstellung 2026: Fahrräder mit Rückenwind
Der Weg vom ersten Fahrrad mit Hilfsmotor zum E-Bike von heute
Der Rückblick auf rund 145 Jahre motorisierter Radfahrgeschichte startet mit den Anfängen der „Fahrräder mit Hilfsmotor“, erläutert spannende technische Details zur Entwicklung vom elektrischen Dreirad im Jahr 1881 bis hin zum modernen Pedelec. Fakt ist: Fahrräder mit Rückenwind sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken: Ende 2023 wurden in Deutschland rund 15,7 Millionen E-Bikes gezählt, statistisch hat also jede fünfte Person bei uns im Land ein E-Bike. Zwei der ausgestellten Exponate stehen auch zum Selbstversuch zur Verfügung.
Öffnungszeiten Rheinhessisches Fahrradmuseum: Jährlich ab Ostersonntag bis zum zweiten Wochenende im Oktober, jeweils an Sonn- u. Feiertagen von 14:00 bis 18:00 Uhr, oder nach Absprache, Eintritt frei. Für Kinder gibt es spezielle Führungen und Workshops mit Ausprobieren, Quiz und Aufgaben, bei denen es auch um die Sicherheit geht.
Übrigens: Das Museum liegt an verschiedenen Radwegen wie der Obstroute. Unweit führt auch der Wanderweg „Hiwweltour Bismarckturm“ vorbei.
Mächtige Marionetten und filigrane Figuren: Museum für PuppentheaterKultur Bad Kreuznach
Kaspar, Seppl, Käpt´n Blaubär und Hein Blöd oder die Figuren der Augsburger Puppenkiste: Im Museum für PuppentheaterKultur, kurz PuK, der Stadt Bad Kreuznach haben Stars aus Holz und Stoff ihren Auftritt. Die Besucher kommen dort Lieblingen aus Kindertagen nahe, werfen einen Blick hinter die Kulissen und erfahren spannende Geschichten. Im Eingangsbereich grüßt überlebensgroß und schlaksig PuKinello, eine Sonderanfertigung zum zehnten Jubiläum des Museums. Gleichzeitig steht die Figur wie manches im Museum für einen Rekord: Sie ist die größte von einer einzelnen Person spielbare Marionette.
Der Weg zu einer eigenen Kunstform auf Theaterbühnen und im Fernsehen war weit – das zeigen die Exponate im Obergeschoss. Das Puppentheater begann als Volksbelustigung auf Jahrmärkten und in Gasthäusern. Die Spieler waren ein von der Bevölkerung argwöhnisch beäugtes, fahrendes Volk, das als Zeichen seiner Redlichkeit sogar weiße Fahnen an seine Wohnwagen hängte. Zunächst spielten sie aus ihrem Mantel, dann trugen sie den Puppenkasten als „Bühnenhaus“ auf dem Rücken. Daraus wurde das „Theater aus dem Koffer“. Erst 1900 stand in München ein erstes festes Theater.
Wie facettenreich die Bühnenstars sind, zeigen die vielen Stab- und Schattenfiguren, Stockpuppen und Marionetten – mal mit lustigem, mal mit dämonischem Gesichtsausdruck. „Vom Holzklotz zum Holzkopf“ erforderte es höchste Handwerkskunst. Das lässt die Werkstatt des Schnitzers Till de Kock und seiner Frau Hilde erahnen. Immer wieder gab es Weiterentwicklungen: Eine Besonderheit als eine der wenigen sprechenden Puppen ist die Oma aus Stuttgart. Im Museum reicht ein Tastendruck und sie legt auf schwäbisch los. Ein weiterer Tastendruck bringt sie zum Stricken.
Selbst in die Hand nehmen können Interessierte beispielsweise eine Figur des Hohnsteiner Kasper, der als Pionier der Fernsehpuppen gilt. Und ein bisschen weiter im virtuellen Fliewatüüt selbst auf die Reise gehen. Die Kinder-TV-Serie „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ erzählte 1972 die Geschichte eines findigen Jungens und seines Roboter-Freunds, die ein Fluggefährt erfinden und damit auf Abenteuerreise gehen.
So macht das Museum auch Kindern Spaß: Hier Puppen anfassen, dort Audios hören und an Spielstationen aktiv werden. Rote Zipfelmützen zeigen, wo dies willkommen ist. Ein speziell für kleine Besucher entwickeltes Infoblatt lädt zur Museums-Rallye. Es gibt Kinder-Führungen und Workshops, bei denen der Nachwuchs Figuren wie Pinocchio selbst bauen kann. Einmal im Monat am PuK-Theatersonntag für Familien geht für zwei Vorstellungen der Vorhang im großen Saal auf.
Auch Erwachsene erleben viele Aha-Momente. Museum-Mitarbeiterin Katrin Keber zeigt auf ein paar Schuhe mit extra dicken Plateau-Sohlen. Diese trugen die Puppenspieler, um die großen Figuren besser spielen zu können. Spannend auch der Blick in die weite Welt: In Vietnam schwimmt das Puppenspiel, die Bunraku-Figuren aus Japan haben eine spezielle Augen-Mechanik und in Indonesien vertreiben Wayang-Schattenspiele Geister und Dämonen. Die UNESCO hat acht Puppenspiel-Traditionen sogar als „Immaterielles Kulturerbe“ anerkannt.
Öffnungszeiten des Museums für PuppentheaterKultur (PuK) ab dem 1. März 2026 um 11 Uhr: Dienstag 10 – 13 Uhr, Mittwoch bis Freitag 10 – 16 Uhr, Samstag und Sonntag 11 – 17 Uhr, montags geschlossen.
Attraktiv ist das Kombiticket, dass auch die Museen Römerhalle und Schloßpark umfasst
Sonderausstellung 2026 „Geschnitzt – Geformt – Gestaltet“
Bis zum 30.12.2026 ist die Sonderausstellung rund um das Werk des Hamburger Figurenbaumeisters Jürgen Maaßen zu sehen. Mit dem Titel „Geschnitzt – Geformt – Gestaltet“ zeigt sie, wie vielfältig und kunstvoll Bühnengeschöpfe für Puppenspiel, Schauspiel und Film gestaltet werden können. Bis März 2026 begleitet ein Festival die Ausstellung, bei dem in neun verschiedenen Inszenierungen Maaßen-Figuren ihre Rollen spielen.