Neue Kostümführung in Oppenheim nimmt Gäste mit auf eine Zeitreise der besonderen Art

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Zeitreise - Eine spannende Tour durch die Jahrhunderte

Zu den großen Menschheitsträumen zählt das Reisen durch Raum und Zeit. Wie in „Zurück in die Zukunft“ mit dem Flux-Generator in andere Epochen schweben – wer möchte das nicht?  In Oppenheim findet diese Sehnsucht nun ihre Erfüllung. Denn dort können Einheimische und Fremde bei einer Kostümführung auf eine Zeitreise in längst vergangene Jahrhunderte gehen – zumindest vor ihrem geistigen Auge.

Großer Auftritt für Magister, Schankwirtin und Bauersfrau

Als Lotsin fungiert dabei Gästebegleiterin Mechthild Zink. Sie „lockt“ die Gruppe, die dieses neue Angebot der Tourist-Info gebucht hat, auf den Platz vor der Katharinenkirche und lässt sie dort im Schatten der großen Luther-Eiche mit geheimnisvollen Andeutungen zurück. Bevor die Gruppe lange darüber sinnieren kann, was die nette Dame mit dem rheinischen Zungenschlag gemeint haben könnte, nähert sich ein hochgewachsener Mann im schwarzen Talar mit  mittelalterlichem Barett auf dem Kopf. Er gibt sich als Schriftgelehrter, Magister und Richter zu erkennen und nimmt die Wartenden mit in seine Zeit, das Jahr 1225.  Und zwar genau an jenen Tag, an dem Kaiser Friedrich II. Oppenheim die Stadtrechte verleiht. Eine aufregende Zeit. Eine Zeit des Wandels.

Gästebegleiterin Mechthild Zink nimmt die Teilnehmenden mit auf die Zeitreise und empfängt sie am Ende wohlbehalten zurück in der Gegenwart.
Gästebegleiterin Mechthild Zink nimmt die Teilnehmenden mit auf die Zeitreise und empfängt sie am Ende wohlbehalten zurück in der Gegenwart.
„Magister“ Jürgen Franz nimmt die Gäste mit in die Zeit der Stadterhebung und blickt auf die Anfänge der Besiedlung Oppenheims.
„Magister“ Jürgen Franz nimmt die Gäste mit in die Zeit der Stadterhebung und blickt auf die Anfänge der Besiedlung Oppenheims.

Und Jürgen Franz, der in die Rolle des Magisters schlüpft, lässt seine Zuhörer daran teilhaben, führt sie sogar noch über 1000 Jahre zurück, als die Römer hier am Rheinufer eine Raststation errichtet haben. Berichtet über die Frankenzeit, in der der Kern der Besiedlung entstanden ist und lässt weitere bedeutsame Daten und Begebenheiten im Plauderton Revue passieren. Doch er muss sich sputen, denn er will die Feierlichkeiten zur Stadterhebung nicht versäumen. Mit einem ehrerbietigen „Saluto vos omnes!“ verabschiedet sich der „Magister“ von den Zeitreisenden.

Die werden sodann auf eine Schankwirtin aus dem Jahr 1621 aufmerksam, die zeternd auf sie zukommt. In urwüchsig bodenständiger Art klagt „Wirtin“ Ulla Eisenhardt ihr Leid über den arbeitsscheuen Mann und die nahenden spanischen Truppen. Man befindet sich in der Zeit des 30-jährigen Krieges. Authentisch die Gewandung, authentisch und kurzweilig die Erzählweise. 

„Schankwirtin“ Ulla Eisenhardt lässt auf bodenständig-burschikose Art die Jahre, in denen der 30-jährige Krieg in Oppenheim tobte, vor dem geistigen Auge der Zuhörer wieder aufleben.
„Schankwirtin“ Ulla Eisenhardt lässt auf bodenständig-burschikose Art die Jahre, in denen der 30-jährige Krieg in Oppenheim tobte, vor dem geistigen Auge der Zuhörer wieder aufleben.

Von Not, Leid und Zerstörung berichtet „Bauersfrau“ Ulrike Franz, die die Zeitreisenden von Ulla Eisenhardt übernimmt und sie in die düstersten Stunden der Stadtgeschichte führt: den großen Stadtbrand 1689 und die schwierigen Jahre des Wiederaufbaus im frühen 18. Jahrhundert.

„Bauersfrau“ Ulrike Franz schildert die Epoche nach der Verwüstung der Stadt durch die Franzosen im Jahr 1689.
„Bauersfrau“ Ulrike Franz schildert die Epoche nach der Verwüstung der Stadt durch die Franzosen im Jahr 1689.

Fesselnd berichtet die „Bauersfrau“ von Elend und Entbehrungen, wandert mit der Gruppe durch die Gassen der Altstadt zur katholischen Bartholomäuskirche, wo Mechthild Zink sie wieder in Empfang nimmt. Hier schließt sich der Kreis, denn Zink verkörpert das, was sie tatsächlich ist: eine Gästebegleiterin der Gegenwart. Sie spannt den Bogen vom 18. Jahrhundert bis in die Jetztzeit. Wie auch die anderen drei Protagonisten würzt sie historische Daten und Fakten mit Anekdoten und Lokalkolorit. „Ich mache solche Kostümführungen gerne mit, denn die haben ihr ganz eigenes Flair“, sagt eine Teilnehmerin aus Nieder-Olm, die mit Bekannten nach Oppenheim gekommen ist, um auf „Zeitreise“ zu gehen. Enttäuscht wird sie nicht. Im Gegenteil. „Die haben das ganz fabelhaft gemacht“, sagt sie.

Information + Schauspiel = - außergewöhnliche Kostümführung

„Wir haben uns im Kreis der Gästebegleiter überlegt, was wir zum Jubiläum 800 Jahre Stadtrechte Oppenheim im vergangenen Jahr beitragen können“, blickt Ulrike Franz an den Anfang der „Zeitreise“-Führung. Die Vierergruppe hat sich schnell gefunden. Nach einem gemeinsamen Gedankenaustausch stand das Konzept. „Im Kern ist das eine Verbindung zwischen den geschichtlichen Fakten und schauspielerischen Elementen“, verdeutlicht Jürgen Franz. Er geht seinen Part ganz im Sinne von Robbie Williams‘ „Let me entertain you“ an. „Wir wollen unsere Gäste gut unterhalten und ihnen dabei die Stadtgeschichte näherbringen“, formuliert Jürgen Franz den Anspruch, den das Quartett  an sich selbst hat.

Die Oppenheimer Zeitreisenden: (v.l.) Mechthild Zink, Ulrike und Jürgen Franz sowie Ulla Eisenhardt.
Die Oppenheimer Zeitreisenden: (v.l.) Mechthild Zink, Ulrike und Jürgen Franz sowie Ulla Eisenhardt.

Damit die Verbindung zwischen Wissen und Kurzweil auch optisch nachvollziehbar wird, schlüpft man in Kostüme aus den jeweiligen Epochen. „Die Gäste werden spielerisch mitgenommen in die Zeit. Das kommt bei den Leuten ganz prima an“, beschreibt Mechthild Zink den Reiz dieser doch außergewöhnlichen Kostümführung und fügt hinzu: „Wenn wir am Ende wieder in der Gegenwart ankommen, sind alle hellauf begeistert.“

Begeistert ist indes auch der für Tourismus zuständige Beigeordnete der Stadt, Stephan Arnold. „Oppenheim hat eine unglaublich reiche Geschichte. Die Zeitreise nimmt die Gäste mit in verschiedene Epochen unserer Stadt. Geschichte wird dabei nicht nur erzählt, sondern regelrecht erlebt“, sagt Arnold.

Alle Zeitreise-Fotos: Stephan Arnold/Stadt Oppenheim

Anekdoten und Geschichten um Einkaufen und Einkehr anno dazumal

Die „Zeitreise“ ist nicht das einzige neue Format, das im Zuge der 800-Jahre-Stadtrechte-Feier im vergangenen Jahr entstanden ist. „Was darf’s denn sein? – wo man früher in Oppenheim noch einkaufen konnte“ ist eine Führung übertitelt, die die jüngere Geschichte der Stadt beleuchtet. Und hier insbesondere den wirtschaftlichen Sektor. Dabei geht es nicht nur um die Geschäftswelt, sondern auch um Hotellerie und Gastronomie, Handwerksbetriebe, Fabriken und städtisches Leben. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit nach dem Krieg bis in die Neunziger Jahre.

Die Motive, die die städtischen Gästebegleitenden Ulla Eisenhardt, Franz Kram und Thomas Ehlke veranlasst haben, diese Führung ins Leben zu rufen, ähneln denen der „Zeitreisenden“. „Wir wollten der Stadt etwas Besonderes zu ihrem 800. Geburtstag schenken“, sagt Ulla Eisenhardt. Wie ihre beiden Mitstreiter ist sie in Oppenheim aufgewachsen und kennt die Zeiten, in denen man in den zahlreichen Läden alle Dinge des täglichen Bedarfs kaufen konnte.

Das Trio macht sich bei der Umsetzung seiner Idee an die Recherche in Archiven und interviewt Zeitzeugen. Anfänglich geht man davon aus, dass es mit einigen Treffen, Telefonaten und Gesprächen getan ist. Ein Irrglaube. Das, was man letztlich in Interviews, Archiven und bei der Lektüre von Jahrbüchern und historischen Adressverzeichnissen zusammenträgt, übertrifft bei weitem die Erwartungen. Am Ende sind es 243 Geschäfte, Werkstätten, Fertigungsbetriebe, Dienstleister, Hotels und Gaststätten, die man vom Rheinufer bis zum Gautor auflistet – und die das einst rege Geschäfts- und Wirtschaftsleben der Stadt dokumentieren.

Fotos: Sammlung Bernd Felix Hahn

Besonders schwierig gestaltet sich die Suche nach aussagekräftigen Fotos. Am Ende wird auch diese Hürde genommen. Die gesammelten Aufnahmen bilden einen Schwerpunkt der Touren durch die Stadt. Aufgrund der Fülle an Betrieben ist die Führung in drei Module an drei verschiedenen Terminen aufgeteilt: Vorstadt, Mainzer Straße sowie Wormser Straße/Krämerstraße/Marktplatz. Natürlich werden dabei nicht alle „Fundstücke“ erwähnt, das wäre ermüdend.

Fotos aus der Historie der Oppenheimer Geschäftswelt illustrieren den Weg durch die einstigen Geschäftsstraßen der Stadt.
Fotos aus der Historie der Oppenheimer Geschäftswelt illustrieren den Weg durch die einstigen Geschäftsstraßen der Stadt.
Gästebegleiter Thomas Ehlke (2.v.l.) erläutert den Zuhörenden das frühere Ladenangebot am Fuß der Mainzer Straße, während Ulla Eisenhardt (Mitte) die zugehörigen Fotos in die Runde hält.
Gästebegleiter Thomas Ehlke (2.v.l.) erläutert den Zuhörenden das frühere Ladenangebot am Fuß der Mainzer Straße, während Ulla Eisenhardt (Mitte) die zugehörigen Fotos in die Runde hält.

Fotos: Stephan Arnold/Stadt Oppenheim

Interessant nicht nur für Oppenheimer

Was die Gästebegleiter überrascht, ist, dass dieses Führungsformat nicht nur bei  alteingesessenen Oppenheimern gut ankommt, sondern auch bei Neubürgern und sogar bei Auswärtigen. „Damit hatten wir nicht gerechnet, auch nicht mit den durch die Bank positiven Rückmeldungen“, stellt Ulla Eisenhardt fest.

Das mag daran liegen, dass die Gänge durch die einstigen Geschäftsstraßen keine stereotype Aneinanderreihung von Läden und Unternehmen sind. Anekdoten und Hintergrundgeschichten sorgen nicht nur für Lacher, sondern machen eine Zeit lebendig und greifbar, in der Einzelhandel und Handwerk blühten und auch die Wirte der Stadt alle Hände voll zu tun hatten.

Eine Zeit, in der es auch noch Originale gab. Und auch die werden bei den Führungen in Zitaten und Schmonzetten wieder lebendig. Wer weiß denn heute noch, dass die Honoratioren der Stadt in den späten Fünfzigern im Lokal „Zum Schwanen“ eifrig zockten? Oder dass in manchen Läden die Butter mangels Kühlregal unverpackt in einer Wanne mit kaltem Wasser schwamm? Oder in den Fünfzigern Stars wie Caterina Valente, Vico Torriani und Conny Froboess live in einem Kino der Stadt auftraten?

„Mit ‚Was darf’s denn sein?‘ holen wir die jüngere Geschichte Oppenheims in den Alltag zurück. Besonders lebendig wird die Führung durch viele kleine Anekdoten aus dem Stadtleben, die selbst alteingesessene Oppenheimer noch überraschen und dabei auch für Auswärtige ebenso unterhaltsam wie spannend sind“, bringt Stephan Arnold das Besondere dieses Formats auf den Punkt.

Ausblick: barrierefreie Führungen durchs Kellerlabyrinth geplant

Um neue Ideen ist man bei den Oppenheimer Gästebegleitenden und dem rührigen Team der Tourist-Info also nicht verlegen – und das auch über das Jubiläumsjahr hinaus. Neuestes Projekt sind barrierefreie Führungen durch das einzigartige Kellerlabyrinth, die 2026 ins Programm aufgenommen werden sollen. „Mit diesen Führungen öffnen wir diesen besonderen Ort künftig für noch mehr Menschen. Gleichzeitig arbeiten wir daran, auch weitere barrierefreie Formate in Oppenheim zu entwickeln, damit möglichst viele Besucherinnen und Besucher unsere Stadt und ihre Geschichte entdecken können“, stellt der städtische Beigeordnete fest.

Gebucht werden können diese neuen und alle anderen Führungsangebote der Stadt unter www.stadt-oppenheim.de/buchen. Dort gibt es auch nähere Informationen zu Preisen und Terminen.

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Geboren in Mainz, aufgewachsen in Oppenheim trage ich von Geburt an das Rheinhessen-Gen in mir. Als Redakteur der Allgemeinen Zeitung und Buchautor habe ich das Geschehen im Land der 1000 Hügel intensiv begleitet. Meine besondere Aufmerksamkeit gilt dem Wein, dem ich mich unter anderem als Host des VRM-Podcasts „Wein x 1“ widme. Foto: Sascha Kopp

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